Bewusst SEIN

Verlust bewusst erleben

Verlust bewusst erleben, Trauer, Tod ©Susanne Reinhold

„Erinnerungen, die unser Herz berühren, gehen niemals verloren!“

Verluste erleben wir alle immer wieder, aber der Tod eines geliebten Menschen ruft in uns eine ganz besondere Leere und tiefe Trauer hervor. Dieser Prozess ist einzigartig. Und wie alles im Leben, kommt es auf den gegenwärtigen Moment an, dann können wir Verlust bewusst erleben.

Anlass für diesen Beitrag, sind gleich zwei Trauerfälle in unserer Familie. Früher oder später, werden wir alle vor diese Herausforderung gestellt, Menschen aus unserem Leben zu verabschieden. Menschen die uns nahestehen und uns jahrelang begleitet haben. Erstmal geht es ohne sie weiter. Eine neue, noch unbekannte Welt liegt vor uns, in welcher derjenige, der gegangen ist, nicht mehr physisch präsent sein wird. Aber vielleicht fühlen wir, wie er spirituell auf einer anderen Ebene lebt oder das Bewusstsein anwesend ist. Dieses Wissen darüber, kann eine enorme Erleichterung sein, um mit dem physischen Tod, hier in dieser Dimension, ins Reine zu kommen.

In den letzten Wochen habe ich erlebt, dass ein solcher Verlust und die damit verbundene Trauer, etwas sehr Persönliches ist. Jeder Mensch geht auf seine eigene Weise damit um und möchte auch gesehen werden. Einige berichteten mir auch von ihren Erfahrungen mit dem Tod naher Angehöriger, in der Hoffnung, Trost zu spenden. Jeder fühlt in sich, eine andere Wahrheit. Doch für mich spiegelt sich in dieser Trauer, die einzigartige Liebe gegenüber diesem Menschen wieder.

Diese Trauer ist einzigartig und jede Träne, die fließen darf, steht für diese Liebe. Egal ob sie in aller Öffentlichkeit über die Wange läuft oder im stillen Kämmerlein. Es sind Tränen der Trauer und auch des Loslassens. Gefühle die aus gemeinsamen Erinnerungen hochkommen und in die Wahrnehmung treten. Gefühle und Emotionen, die gelebt werden möchten. Es gibt auch Schockzustände, indem der Verlust eine Art Starre auslöst oder traumatische Einfügungen, indem die Situation unerträglich zu sein scheint.

Demnach können sich in diese Trauergefühle Neurosen und Ängste mischen. Sie verschlimmern den Zustand unnötig, ohne sich dessen bewusst zu sein. Daher sollten wir auf unsere Gedanken achten – wenn es denn überhaupt unsere eigenen sind. Unsere Gedanken können nämlich Trost spenden, oder uns in diesem Schmerz gefangen halten und unnötiges Leid hervorrufen. Der einzige Weg aus dem Schmerz heraus, führt durch ihn hindurch. Wir müssen diesen Schmerz wirklich fühlen und zulassen. Und dafür braucht man Präsenz – im Augenblick sein. Verlust bewusst erleben, ist alles da sein zu lassen, was ist…

Sich von Schuldgefühlen befreien

Wenn der Tod in unsere Welt einbricht, suchen wir häufig nach Gründen. Oft tragen Trauernde eine Menge Schuldgefühle mit sich herum. Die Schuld versagt zu haben oder zu spät gekommen zu sein. Eine Fehldiagnose, besondere Umstände oder auch selbstzerstörerisches Verhalten, ziehen wir als Erklärung heran. Besonders die Rückschau für alles Unerfüllte, Ungesagte und Ungelebte, kann sehr erdrückend für einen Hinterbliebenen sein. Es ist ein Leben, aus der Vergangenheit bzw. aus der Programmierung.

Diese Schuldgefühle, verhalten sich dann gleichartig wie die Neurosen und die Angst, die sich in unsere Gedanken mischen. Und mit der Wahrnehmung im Kopf, mit der Aufmerksamkeit, können sie ganz leicht entlarvt werden. Gesellschaftlich haben wir gelernt, dass immer jemand schuldig ist oder jemandem etwas schuldet. Immer stellt sich die Frage nach der Haftung! Wir haben gelernt, dass Schuld sich sogar vermehrt, wenn man sie nicht ausgleicht. Aber das ist ein Lebensmodell, dass wir hinterfragen und loslassen können. Wer hat`s erfunden und für welchen Zweck?

Der Mensch ist ein freies und kraftvolles Wesen. Solange wir Modelle nicht loslassen können, weil wir glauben, dass sie zu uns gehören, weil wir glauben schuldig zu sein, sind wir nicht mehr frei.

Deshalb konnte ich in letzter Zeit wieder hautnah erleben, wie wertvoll es ist, im Moment zu sein! Im Moment zu sein – im Hier und Jetzt – ist alles zu akzeptieren, wie es ist. Ein Zeuge sein, von dem was in mir vorgeht. Ein Beobachter dessen zu sein, dass alles auf meine eigene Überzeugung basiert und dass ich jederzeit, eine neue Wahl treffen kann. Es ist, wie es ist. So kommt keine Schuld auf, sondern Dankbarkeit für Alles was ist.

Und diese Momente, so klein sie auch sein mögen, sind die, die das Leben wirklich glücklich machen. Ich wähle jetzt Freiheit! Ich nehme Abschied von allem, was ich mitgemacht oder verpasst habe. Und dann wirklich innerlich damit abschließen! Mit dieser Wahrnehmung, mit dem Präsent sein in Dir Selbst, passiert etwas, dass einer Reparatur gleicht. Wir reparieren unser fehlgeleitetes Programm, das Trauma in uns oder den Referenzpunkt, an dem immer wieder die Angst/ Schuld anknüpft. Verlust bewusst erleben, ist das Trauma aufspüren…

Die Trauer akzeptieren und ehren

Wenn wir erkennen, dass wir für den Tod geliebter Menschen nicht verantwortlich sind und uns der Schuld befreien, bleibt letztendlich die Frage – Wofür sind wir verantwortlich? Die Antwort ist natürlich, dass wir für unser eigenes Leben und somit auch für die Trauer und den Schmerz, verantwortlich sind. Oft denken wir, wenn wir unseren Gefühlen freien Lauf lassen, könnten sie uns überwältigen. Es kommt auch vor, dass ein Verlust ein altes Ereignis aufblitzen lässt, was wir noch nicht vollständig verarbeitet haben. Wir stellen Vergleiche auf oder erinnern uns an vorangegangene Trauer und Schmerzen.

Auch Trauer und die dazugehörigen Schmerzen, sitzen in Modellen und Vorgaben fest. Eigentlich ist das völlig absurd, weil jeder Mensch um den wir trauern, einzigartig ist. So würde unser Leben ganz anders aussehen, wenn wir es uns gestatten, den Schmerz eines jeden Verlustes wirklich zuzulassen und vollständig zu fühlen. Es gäbe viel weniger Leid auf der Welt, wenn wir uns im gegenwärtigen Augenblick, jedem Gefühl öffnen können, dass gerade in unserem Leben ausgelöst wird. Wenn wir es schaffen, in diesen Momenten der Beobachter zu sein, können wir den Schmerz in uns wahrnehmen und da sein lassen – ihn ehren.

Jede Zeit der Trauer prägt uns auf ganz eigene Weise, weil jeder Mensch um den wir trauern, einzigartig war. Wir glauben, dass wir der Trauer ausweichen wollen, aber in Wirklichkeit ist es das Vermeiden des Schmerzes. Trauer ist ein Heilungsprozess, der uns Trost und Linderung bringt. Darum sind Worte oder Zeilen des Trostes, der wirklich von Herzen kommt, eine enorme Bereicherung in dieser Zeit. Geteiltes Leid, ist halbes Leid, sagt man so schön. Demnach durfte ich beim Lesen der Trauerkarten, die feinen Unterschiede spüren, die sich die Menschen hinter diesen Zeilen, zur aufrichtigen Anteilnahme gemacht haben. Verlust bewusst erleben, ist sich berühren lassen…

Der Spruch der mich am meisten berührt hat:

Verlust bewusst erleben, Trauer, Tod ©Susanne Reinhold

Sich des Größeren bewusst sein

Nach einem bitteren Winter, kommt der Frühling. Und so ist es auch in fließenden Trauerprozessen. Nach dem akzeptieren der Tragödie, kommt die Phase der Sinnfindung. Wenn wir Schuldzuweisungen beenden und Verantwortung übernehmen, können wir darin Größe finden. Die Größe ist die Kraft, die in der Trauer liegt. Diese Kraft ist genauso erstaunlich, wie die körpereigenen Heilungskräfte nach Unfällen oder schweren Operationen. Weil das Denken sich verändert und das Bewusstsein anwesend ist. Wir verharren nicht mehr in den Ängsten und Mustern, die uns im Schmerz leiden lassen.

So werden wir irgendwann alle die Wahrheit entdecken, dass unser Sein viel mehr ist, als die äußeren Umstände. Dass wir uns in einem viel größeren Kreislauf befinden, als nur dieser Moment, den wir im Hier und jetzt erleben und der unser Leben zeichnet. Unser wahrer Wesenskern, ist viel größer als alles, was mit unserem Körper hier geschieht. Es ist ein Avatar, ein Hilfsmittel, um an diesem Erfahrungserlebnis teilzuhaben. Das Leben ist eine abenteuerliche Reise. Einen Verlust ungeschehen zu machen, ist in der Regel unmöglich. Doch alles, was nach dem Verlust geschieht, wird durch das Denken verändert.

Wie sehr wir also an einem Verlust leiden, entscheiden wir Selbst. Da wir selbst entscheiden, können wir Trauer auch auf sanfte und liebevolle Weise durchleben. Ein offenes Herz für sich selbst haben, bedeutet sich selbst zu lieben und es sich wert zu sein.

Schwere Zeiten können uns daran erinnern, dass unsere Beziehungen zu anderen Menschen ein Geschenk sind. Verluste können uns daran erinnern, das Leben selbst als ein Geschenk zu betrachten. Und wenn das Leben selbst ein Geschenk ist und wir erkennen, dass wir das Leben sind, dann sind wir das größte Geschenk überhaupt! Verlust bewusst erleben, ist das Geschenk zu erkennen…

Bedanke Dich bewusst bei geliebten Menschen, bei Dir Selbst oder auch bei denen, die Dir Trost spenden in der Zeit der Trauer. Es gibt unendlich viele Gründe, für Dankbarkeit!


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