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Spielerisch sein Potenzial entfalten (Gastbeitrag von Dr. Nando Stöcklin)

Spielerisch sein Potenzial entfalten, Susanne beim Malen©Reinweiß by Susanne Reinhold

Spielerisch sein Potenzial entfalten, in einer digitalisierten Welt. Dazu habe ich Dr. Nando Stöcklin befragt. Er bereichert dieses Thema, mit seinen Forschungen und Erkenntnissen aus vielen Jahren Erfahrung. Schön, dass Du Dir Zeit nimmst, Danke!

Susanne: Ich habe Dich beim „Spiel Dein Leben-Kongress“ kennen gelernt. Für mich steckt bereits in dem Titel, so viel Freiheit und Kreativität. Wie bist Du bzw. Ihr darauf gekommen? Wie war Dein /Euer Weg dorthin?

Nando: In meiner Doktorarbeit habe ich mich der Frage gewidmet, wie sich spielerische Elemente in den Unterricht integrieren lassen, um den Vorteil des Spielens in der Schule nutzbar zu machen. Bald realisierte ich, dass alle entsprechenden Ansätze schwierig sind, weil sie immer in einem fremdbestimmten Rahmen stattfinden. Spielen ist das Gegenteil von Fremdbestimmung.

Spielen ist das, was unserem Innersten entspringt. Deshalb beschäftigte mich dann die Frage, wie sich das Leben spielerisch gestalten lässt. Eine zweite Doktorarbeit schreiben wollte ich nicht. So organisierten Anna, meine Frau, und ich den Online-Kongress und luden spannende und inspirierende Expertinnen und Experten ein, von denen wir sehr viel lernten.

Susanne: Was war Deine wichtigste Frage im Leben? Und wie hast Du sie beantwortet bekommen?

Nando: Meine Antwort ist sicherlich geprägt durch mein aktuelles Suchen. Aktuell ist meine zentrale Fragestellung, was Menschen brauchen, um ihr Potenzial entfalten zu können. Zum gegenwärtigen Stand bin ich überzeugt, dass Spielen hierbei DER Zentralschlüssel ist.

Susanne: Spielerisch sein Potenzial entfalten, in einer digitalisierten Welt. Das klingt sehr weit, plastisch, viel Technik, für die meisten unvorstellbar. Werden jetzt alle Onlineunternehmer? Was bedeutet dies, für jeden einzelnen Menschen?

Nando: Der Fokus dürfte sich verschieben. Oberste Priorität dürfte nicht mehr sein, ein sicheres Einkommen zu haben. Das mündete in der industrialisierten Welt in Lohnarbeit. Lohnarbeit bedeutet für die Arbeitnehmenden, Leistungserwartungen von Dritten zu erfüllen. Das wandelt sich. Bereits jetzt wollen viele junge Menschen vor allem eins: Ihre Leidenschaften leben. Dazu ist das Internet sehr hilfreich, weil sich über das Internet viel leichter Menschen finden lassen, die am Produkt der individuellen Leidenschaft interessiert sind, als lokal.

Das muss aber nicht heissen, dass nun Alle Onlineunternehmer sein müssen. Beispielsweise über ein Crowdfunding kann das Internet ebenfalls genutzt werden. Die übrige Arbeit kann dann ganz ohne Internet funktionieren. Und selbstverständlich funktionieren auch die traditionellen Wege noch immer, beispielsweise als Bildhauer die Leidenschaft leben. Das geht komplett offline, auch wenn das Internet hier zusätzlich unterstützen kann.

Susanne: Wir haben momentan in Deutschland Schulen aus dem 19. Jahrhundert, Lehrer aus dem 20. Jahrhundert und Schüler aus dem 21. Jahrhundert. Schulen könnten „Häuser des Lebens“ werden. Viele Alternative Schulen, haben gute Ansätze in Richtung spielerische Potenzialentfaltung. Die große Masse allerdings, wird weiterhin für diese Leistungsgesellschaft vorbereitet und ausgebildet. Was kann hier jeder einzelne tun oder auch betroffene Eltern?

Nando: Das Schulsystem ist enorm komplex und gesellschaftlich tief verankert. Das macht es sehr träge. In meinen Augen ist es sinnvoller, dass alle Beteiligten bei sich im Kleinen nach einem Optimum trachten, als versuchen das ganze System zu ändern. Je nach Wohnort und Familienstruktur kann das Optimum unterschiedlich aussehen.

Die einen haben Glück und es befindet sich eine private oder staatliche Schule in der Nähe, die dem Spielen möglichst viel Zeit einräumt. Andere leben in einem Gebiet, in dem Homeschooling erlaubt ist. Weiter können alle Beteiligten – egal ob Eltern, Lehrpersonen, Schulleiterinnen und Schulleiter und Behörden – darauf achten, Kinder möglichst frei sich entwickeln zu lassen und möglichst wenig auf Leistung zu trimmen.

Susanne: Die Kunst von dem zu leben, was einem die meiste Freude macht. Was war Deine größte Hürde?

Nando: Ich bin nach wie vor in diesem Prozess. Das geht nicht von heute auf morgen, da darf man sich auch keine Illusionen machen. Wer aber bei sich und seiner Leidenschaft ist, empfindet einen Sog, der einem hilft, Herausforderungen auf dem Weg zu meistern. Ich habe vom Spiel zwölf Elemente abgeleitet, die auf das Leben übertragen werden können. Diese helfen Menschen, diesen Übergang von der Leistungsorientierung zur Orientierung an der individuellen Einzigartigkeit zu meistern.

Meine größte Hürde dabei ist das Element „Erwartungen von Dritten gehen dich nichts an“. Zwar kann ich mich mittlerweile recht gut von Erwartungen aus meinem nächsten Umfeld abgrenzen. Aber manchmal lasse ich mich noch immer irritieren von einem destruktiven Kommentar von Menschen, die ich nicht kenne. Da muss ich noch an mir arbeiten.

Susanne: Das Element „Erwartungen von Dritten gehen dich nichts an“, damit habe ich auch meine Herausforderungen. Wir alle dürfen an uns arbeiten. Erwartungen können allerdings auch vom System, Staat oder von einem Konzern kommen, während dieser Übergangszeit. z.B. die Schulpflicht oder Umsatzzahlen erhöhen. Wie sieht es damit aus?

Nando: Ja, wir befinden uns momentan im Übergang von der Industrie- zur Digitalgesellschaft. Viele Strukturen sind noch alt. Wir können aber bewusst das Neue suchen. Beispielsweise kann der Schulpflicht entgangen werden durch einen Umzug in ein anderes Land. Zum Glück gibt es in Europa ja nur zwei Staaten mit einer Schulpflicht, Deutschland und Schweden.

Und wir können uns beispielsweise beruflich selbständig machen, um dem Wachstumsstreben von Unternehmen zu entgehen. Wir haben die Wahl, ob wir im alten oder im neuen System leben wollen, auch wenn es je nach Lebensumständen einfacher oder schwieriger sein kann, sich von den alten Strukturen zu lösen.

Susanne: Digitales Zeitalter. Meine Arbeit, wie beispielsweise das Nähen und Malen, ist ja nun sehr handwerklich geprägt. Mir ist es wichtig mit den Händen etwas zu erschaffen. Beim Malen entstehen neue Welten aus dem inneren. Außerdem handelt es sich um individuelle Einzelstücke. Wenn wir fortan, solche Handwerksarbeit von Maschinen erledigen lassen, geht da nicht ein wesentlicher Teil der menschlichen Schöpferkraft verloren?

Nando: Computer übernehmen nicht alle Tätigkeiten. Sie übernehmen vor allem Routinetätigkeiten, also Tätigkeiten, die sich immer und immer wiederholen und sich leicht einem Algorithmus beibringen lassen. Das ist der erste Teil der Antwort. Dann gibt es einen zweiten Teil: Klar, man kann auch einem Algorithmus beibringen, zu malen oder zu nähen.

Rein handwerklich betrachtet, schaffen digitale Geräte das. Das Resultat ist aber entseelt. Es ist einem Algorithmus entsprungen und widerspiegelt nicht die Einzigartigkeit eines Menschen. Ein Algorithmus kann nicht das malen, was deinem Innersten entspringt. Das kannst nur du.

Susanne: BewusstSein im Alltag. Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit ganzheitlicher Hausreinigung. Ich habe herausgefunden, dass wir mit solchen einfachen Tätigkeiten, wie das Aufräumen und Putzen, im Alltag genug Situationen haben, in denen wir bewusst schöpferisch tätig sein können und uns Selbst begegnen. Was sagst Du dazu?

Nando: Da bist du bestimmt tiefer in diesem Thema drin. Aus meiner Sicht gibt es durchaus einen Zusammenhang zwischen Innen und Außen. Für mich spannend ist die Tatsache, dass Kinder oftmals im Außen spielen, was sie im Innen beschäftigt. Sie durchleben spielerisch zum Beispiel eine beängstigende Situation, die sie erlebt haben und verarbeiten sie so. Sie bringen sie so „in Ordnung“.

Susanne: Unser Umfeld prägt uns und umgekehrt. Beim Aufräumen, Ausmisten und Ordnen im Haus, begegnen wir auch viel altem Kram und Themen, die wir gerne vor uns herschieben oder liegenlassen. Viele Menschen stecken in einer Art Schleife fest. Wie können wir hier spielerisch werden?

Nando: Mein Ansatz ist, die Leidenschaft zu leben. Wer die Leidenschaft lebt, verliert das Interesse an Dingen, die wir nicht mehr benötigen. Wir sind im Hier und Jetzt. Wir brauchen keine Ersatzbefriedigungen und hängen unser Herz nicht an allerlei Dinge aus der Vergangenheit. Die Leidenschaft zu leben ist nichts Anderes als Spielen.

Susanne: Wir leben in der Dualität und alles hat auch seine Schattenseiten. Wir sprechen von künstlichen Intelligenzen und Maschinen. Gibt es bereits Tendenzen oder problematische Ansätze, inwieweit sich diese Dinge eher negativ auf den Menschen und die Natur auslegen? (Z.B. die Mediensucht oder Informationsflut)

Nando: Veränderungen bringen typischerweise positive und negative Aspekte mit sich, genau wie du schreibst. Mediensucht, Informationsflut oder auch Beschleunigung können negative Aspekte der digitalen Transformation sein. Wichtig hierbei ist der bewusste Umgang. Wer mit dem industriell geprägten Mindset in die digitale Transformation rein geht, wird die negativen Auswirkungen spüren.

Wer meint, Leistung erbringen zu müssen, schlittert voll in die Beschleunigung rein. Wer seine Leidenschaft nicht leben kann und in sozialen Netzwerken aktiv wird, läuft Gefahr, sich dort Befriedigung zu suchen und mediensüchtig zu werden. Es ist heute vermutlich noch wichtiger als vor 50 Jahren, die Leidenschaften zu leben!

Susanne: Kinder entdecken spielerisch ihre Umwelt. Wir hatten damals noch Holzspielzeug, Puppenstuben zum Spielen und waren viel draußen. Wenn ich mir heute die meisten Kinder (auch meine) anschaue, blicke ich etwas wehmütig auf diese Zeit zurück. Was ist mit den vielen Videospielen, Konsolen und Simulationsprogrammen?

Nando: Das ist ein großes Thema, das ich mit meiner Antwort nur kurz anreißen kann. Wichtig scheint mir, dass Kinder das spielen können, was ihrem Innersten entspringt. Vielem Spielzeug ist ein Zweck mitgegeben, oft gar eine Leistungserwartung. Die Holzklötze in verschiedenen Formen gilt es durch die entsprechend geformten Löcher im Holzwürfel zu stecken. Zeigen Erwachsene dem Kind, was mit dem Spielzeug erwartet wird, kann es nicht Frei spielen.

Das ist leider die Regel und auch ich habe das bei unserem älteren Sohn so getan. Umgekehrt entdeckt ein Kind vielleicht von sich aus die Spielmöglichkeit, die dem Spielzeug als Leistungserwartung bei haftet und findet es total spannend, das richtige Loch für den richtigen Klotz zu finden, ganz ohne Beeinflussung durch Erwachsene oder andere Kinder. Dann ist das genau die Herausforderung, die dem Kind zu dem Zeitpunkt entspricht. Ein und dieselbe Tätigkeit, aber mit unterschiedlichem Ergebnis.

Für Videospiele und Konsolen gilt dasselbe. Wenn sich Kinder und Jugendliche ganz frei dafür entscheiden, kann die dortige Herausforderung genau dem entsprechen, was sie gerade jetzt brauchen, um das zu entwickeln, was in ihnen veranlagt ist. Das Computerspiel ist dann genau so lange spannend, bis die nächste Herausforderung dem Innersten des Kindes entspringt und es sich vom Computerspiel abwendet.

Stürzt sich der Jugendliche aber auf die Konsole, weil es das nicht ausleben kann, was seinem Herzen entspringt oder weil es aus anderen Gründen seine psychischen Grundbedürfnisse nicht stillen kann, dann ist das Computerspiel eine Ersatzbefriedigung und es besteht erhöhte Gefahr für Sucht.

Susanne: Was möchtest Du abschließend den Menschen noch mitgeben?

Nando: Wichtig ist mir eine Sache: Spielen ist der Urzustand des Menschen. Müssen Kinder nicht Erwartungen von außen erfüllen, spielen sie. Und: Dasselbe gilt für Erwachsene. Nur weil wir als Kinder gelernt haben, dass Erwartungen von anderen wichtiger sind als unsere eigenen Leidenschaften, dass wir etwa zuerst die Hausaufgaben machen sollen und erst dann spielen können, sind wir bereit, als Erwachsene ein Leben lang in einer Fabrik Tag für Tag dieselben langweiligen Handgriffe zu machen oder in einer Behörde ohne gesunden Menschenverstand Akten abarbeiten.

Dabei vergessen wir, wozu wir Menschen auf der Erde sind: Um zu leben! Während der industrialisierten Zeit war diese Leistungsorientierung zentral. In der digital geprägten Gesellschaft ist es nicht mehr notwendig, Menschen auf Leistung zu trimmen.

Susanne: Und wo finden wir Dich?

Nando: Bei spieldeinleben.ch unterstütze ich Eltern, sich von der Leistungsorientierung zu lösen und wieder ins Spiel zu finden, ihren Leidenschaften zu folgen. Beispielsweise helfe ich ihnen, ihre Leidenschaft wieder zu entdecken, denn die meisten Erwachsenen haben sich so weit von sich entfernt, dass sie diese nicht mehr kennen.

Logo spiel dein leben    nando_stoecklin, Gastbeitrag bei Susanne Reinhold 

Dr. Nando Stöcklin, zu Gast bei Susanne Reinhold ~ Herzlichen Dank dafür!


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